Eine Radtour mit Hund
Es war diese Radtour, die Tina lange in Erinnerung bleiben sollte. Tina war elf Jahre alt und lebte mit ihrer Mutter Renate und dem Mischlingshund Max in einer Siedlung am Rande der Stadt. Max war kein großer Hund, aber sein graues wuscheliges Fell ließ ihn groß aussehen. Seine dunklen Knopfaugen schauten immer lustig unter seinen langen Haaren hervor. Es sollte ein schöner Tag werden. Ihre Kusine Anja mit Onkel Willi und Tante Anna kamen zu besuch. Onkel Willi war der einzige Bruder ihrer Mutter und lebte im Nachbarort. Sie hatten sich zu einer Radtour verabredet.
„Wann kommen die den endlich!“ maulte Tina ihre Mutter an, die in der Küche die letzten Reste vom Mittagessen im Kühlschrank verstaute.„Sei doch nicht immer so ungeduldig. Die sind bestimmt schon auf dem Weg hierher.“ beruhigte sie Tina, als es auch schon an der Tür klingelte. Mit einem: „Endlich seid ihr da!“ riss Tina die Haustür auf und schaue in das lachende Gesicht ihrer Kusine.
„Du bist immer so stürmisch. Wir mussten doch erst mit dem Fahrrad zu euch. Und Papa musste nach dem Mittagessen noch einen Reifen aufpumpen.“ Draußen am Gartentor warteten Onkel und Tante mit ihren Rädern. Schnell waren die letzten Sachen auf die Gepäckträger verteilt. Tina und Anja fuhren vorweg. Max folgte ihnen. Dann Onkel Willi und zuletzt Renate mit Tante Anna. Als Max merkte, dass es in Richtung Schlosspark ging, fing er freudig an zu bellen. Er liebte das Gelände besonders wegen der Kaninchen und Enten. Sie bogen bald von dem Hauptweg ab, um den schöneren Weg durch den Wald zu nehmen. Tina hatte erst letztes Jahr das Radfahren gelernt und war noch etwas wackelig beim Lenken.
„Uuh, du fährst ja noch ganz unsicher!“ bemerkte Anja, als sie zum x-ten Mal den ruckartigen Lenkbewegungen ihrer Kusine ausweichen musste. Anja war ein Jahr älter, als Tina und konnte schon recht sicher fahren. Sie und ihre Eltern fuhren jeden Sommer an die Nordsee und machten dort viele Radtouren.
„Pah!“, schnippte Tina, „Hast wohl Angst, dass ich schneller bin als du?“ und trat kräftig in die Pedalen. Anja folgte ihr. Die Erwachsenen unterdessen radelten gemütlich weiter und plauderten über die Neueröffnung eines Supermarktes im Nachbarort. Plötzlich ein Schrei. Gefolgt von einem Quietschen. Dann hörten sie Metall scheppern. Was war passiert.
Onkel Willi war der Erste am Unfallort. Er fand Tina neben ihrem Fahrrad am Boden sitzend, welches sich in einem Mülleimer verfangen hatte. Seine Tochter stand weiter vorne mit ihrem Rad zwischen den Beinen und grinste ihn an. Tina vergaß vor Schreck zu weinen. Sie deutete auf ihr Vorderrad: „Da ist eine Beule drin“, schluckte sie schwer.
„Hast du dir weh getan?“ fragte Onkel Willi besorgt, als er sich zu ihr hinunterbeugte.
„Nein, aber mein Rad ist kaputt. Ich hatte mich doch so auf die Radtour gefreut.“ bemerkte sie leise. „Nicht gleich den Kopf hängen lassen“, tröstete Onkel Willi. „Mal sehen was sich da machen lässt.“ Ihre Mutter und Tante Anna erreichten nun das Geschehen.
„Tina!“ rief Renate noch ganz aus der Puste. „Hast Du dir Weh getan? Was hast du nur wieder gemacht?“ Sie kannte ihre Tochter und ihren Übermut nur all zu gut.
„Wir haben ein Wettrennen gemacht.“ meldete sich Anja von vorne. „Gerade, als ich überholen wollte, hat Tina eine Schlenker gemacht und ist…“, sie schluckte ein Kichern hinunter“, in den Mülleimer gefahren.“
„Wenn du mich nicht geschupst hättest, dann wäre das nicht passiert“, protestierte Tina heftig, als sie sich vom Boden erhob und den Dreck von den Knien wischte.
„Na, na! Tina!“ rügte ihre Mutter sofort. „ Ich glaube hier ist Anja nicht die Schuldige. Du musst noch mehr üben, dann wirst du später bestimmt viele Rennen gewinnen“, beschwichtigte sie und schickte einen verständnisvollen Blick zu Anja. Onkel Willi unterbrach das Gespräch. „Ich kann es für heute wieder flott machen, aber du musst es reparieren lassen. An der Bremse ist etwas abgebrochen.“
Tante Anna hatte sich bis jetzt nicht zu Wort gemeldet, aber sie machte bald deutlich, dass sie diese Tourpause für unangebracht hielt. Sie tadelte Tina für ihr Ungeschick und gab ihrem Mann einen spitzen Blick.
„Kannst du nicht schneller machen! Ich hab keine Lust hier noch länger zu warten.“ Onkel Willi überhörte die Worte. Er wusste nur zu gut, wie sie unplanmäßige Vorkommnisse hasste.
„Die Mädchen haben es doch nicht mit Absicht gemacht“, sagte Renate entschuldigend. „Es sind doch noch Kinder und Willi versucht sein Bestes.“ Tante Anna gab ihr nur einen kühlen Blick.
„Ist schon fertig“, warf Onkel Willi beschwichtigend ein. „So, jetzt können wir weiter fahren.“ Dabei schob er das Rad zu Tina.
„Wo ist eigentlich Max?“ fragte Anja und brachte somit ein neues Problem auf die Tagesordnung. Max! Auf den hatte keiner mehr geachtet, seit sie das Haus verlassen hatten. Er war den Kinder in den Park gefolgt, aber wo war er jetzt? Er war nirgends zu sehen. Auch lautes Rufen brachte keinen Erfolg.
„Der wird wohl wieder ein Kaninchenbau gefunden haben“, bemerkte Tilda. Nun ging die Geduld von Tante Anna ganz zu Ende. Sie wetterte über Hunde und deren schlechte Erziehung. „Gut, dass wir keinen Köter haben. Der macht nur Dreck und Ärger.“ Aber es hörte ihr keiner richtig zu, da die anderen anfingen nach Max zu rufen und sich in verschiedene Richtungen verteilten. Tante Anna blieb wütend bei den Fahrrädern zurück.
„Schau mal Mama! Ist das nicht Max?“ Aus einem der großen Rhododendron Büsche, die im Schlosspark an den Wegen wuchsen, kam eine kleine grüne Gestalt angewedelt. Es war Max. Er hatte sich dem Anschein nach im Ententeich vergnügt. Er war pitschenass und war über und über mit grünem Entenkraut behangen. Es sah so lustig aus, dass alle lachten - außer Tante Anna. Sie wollte gerade etwas sagen, als Max direkt neben ihr, anfing sich seiner Dekoration zu entledigen.
„Iiih, nehmt den Hund weg, schnell!“ Aber er schüttelte sich so heftig, dass das grüne Kraut und das Teichwasser im hohen Bogen durch die Luft flogen. Danach war Max relativ sauber, aber Tante Anna sah jetzt aus wie ein Teichzwerg. Ihre Augen blitzten wütend und ließen sie dabei noch viel lustiger aussehen. Jetzt ging das Prusten erst richtig los und endete in schallendes Gelächter. Max bellte zustimmend und sprang umher. Tina fand, dass diese Radtour ganz toll war, auch wenn sie eingestehen musste noch mehr Fahrradfahren zu üben. Aber, dass Max der Tante den Ausflug vermiest hatte, fand sie richtig gut. Sie und Anja haben beschlossen, dass sie Max das nächste Mal zum Teich begleiten. Aber mit Badeanzügen und ohne Wettrennen.
Autorin: Elke H.Graham
