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Kleines Marsmänchen


Es ist so grün wie ein Marsmänchen. Wer es nicht kennt, würde es sogar glauben. Es ist rund und ich begegne ihm schon zu dritten Mal.

Vorgestern, wo ich es auf dem Weg direkt auf der Fahrspur liegen sah. Ich kickte es ins Gras und dachte: Blöd, nicht weit genug. Kein Auto, sondern meine Füße werden es zerquetschen.

Gestern sah ich es sofort. Es hatte sich keinen Zentimeter vom Fleck gerührt. Wie auch –haha- oder hat schon mal jemand eine Kastanie sich selber bewegen sehen!? Nein, bestimmt nicht. Auch noch im hohen Gras liegend, wo es der Wind nicht erreichen kann. Bei Regen legen sich die nassen Halme schlapp über die Frucht, halten sie fest, so gut, dass man sie kaum sehen kann.

Nun, heute sehe ich es wieder. Es erstaunt mich. Es setzt Gedanken frei die ich nie zuvor gekannt habe. Mein Weg führte zu dieser kleinen Natur, ohne dass ich mir einen Plan zu Recht gelegt hatte. Kommt zu einem, was kommen will?

Dieses Mal betrachte ich es länger als sonst. Ich sehe grün, helles grün, wie ein kleiner unreifer Apfel. Die Oberfläche ist stachelig. Sieht aus wie ein blühendes Teeniegesicht. Eine junge pubertierende Kastanie in grasgrüner Jacke? Nein, und von Pickel machenden Schnellimbissketten hat die bestimmt noch nichts gehört.

In meinen Gedanken verloren bin ich weiter gegangen. Bleibe stehen seufzte und drehe mich wieder um und gehe zurück zur kleinen Kastanie. Du musst nicht ganz bei Sinnen sein, denke ich und hebe das gedankenbewegende Naturstück hoch. Uah! Wie stachelig und schmierig. Ich grinse in mich hinein: Das hatte ich wissen müssen. Aber es ist, als ob ich jetzt erst aus einem Traum erwache. Die Kastanie ist noch so fest in ihrem stacheligem Paket verschnürt, dass ich schon auf dem Moment warte indem es aufplatzt und sein Wundersamen preisgibt.

Es wachsen Bäume daraus. Riesige, bis zu zwanzig Meter in den Himmel ragende Naturgestalten. Mit einer Krone aus dicken Ästen und fingerigen Blättern. Sie bieten Schutz für Mensch und Tier gegen Sonne und Regen. Dem stärksten Wind trotzend, als wenn es dabei lachen würde. In meinen Gedanken male ich den Wunderbaum. Ein dicker Stamm, den ich zu umfassen versuche, als ob ich seine Lebensweisheiten aufsaugen könnte. Ein stummer Geselle, der viel zu erzählen weiß.

Ich stecke vorsichtig die stachelige Frucht in meine Jackentasche. Es sticht durch den Stoff und ermahnt mich es wieder heraus zu lassen. Bevor ich gehe schaue ich mir den Fundort noch einmal an. Dort hätte es wachsen können, aber ich suche einen sicheren Ort. Hier am Straßenrand wäre es bestimmt den Schneidemaschinen zum Opfer gefallen, die jedes Jahr in Herbst das alte Gras abmähen. Die Vögel könnten dann im Winter von der breiigen Masse picken, oder es wurde ungesehen verrotten. Mir wird klar, dass ich hier etwas verändere. Ohne mein Tun würde es nicht die Chance zum Wachsen haben.

Dreimal hat es mich angesprochen. Erst habe ich es wie ein Störenfried weggetreten, dann bin ich ignorierend darüber hinweg gestiegen und nun bringe ich es in Sicherheit. Welch ein Wandel.

Mir wird bange bei dem Gedanken, dass ich Dinge in meinem Leben, die vielleicht sehr wichtig sind, übersehe, kaputt trete oder weit von mir werfe. Diese junge Kastanie wollte gefunden werden. Eine von den Hunderten die vom Baum herabfielen, in der guten Absicht einmal etwas Großes und Lebenserhaltendes zu werden. Wer dreimal so energisch auf sich aufmerksam macht, dem soll geholfen werden. Ich werde dem Samen einen Platz geben, wo es ungestört wachsen kann.

Dann träume ich von der Bank die unter dem großen hohen Blätterdach stehen wird. An der Wurzel des herrlichsten und beeindrucktesten Kastanienbaumes der Gegend. Sind es die kleinen Dinge im Leben, die einen auf große Gedanken bringen? Klein und doch zum Großen bestimmt.

„Im Unscheinbarem liegt die Kraft!“, flüstert es. So prall in Kraft, so unscheinbar, sogar abweisend die Hülle. Sind wir Menschen auch so zu verstehen? Wer weiß was in uns steckt - unter unserer dicken Schutzhülle verborgen. Was versucht in uns aufzukeimen mit dem Ziel einmal etwas Großes zu werden?

Gebt dem inneren Wundersamen die Möglichkeit und die Zeit zum Groß werden, so wie ich jetzt für die Kastanie einen schönen Platz zum Wachsen wählen werde.

Autorin: Elke H.Graham

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