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Morgenstunde - Hunderunde


Ihr glaubt gar nicht, was mir heute passiert ist!
Es fing alles mit diesem Traum an. Ich schlief tief und fest und dachte der nächste Tag wäre wie jeder andere. Dann aber sah ich, wie in mir ein Lichtfenster aufging. Die Gedanken konzentrierten sich auf einem kleinen Körper. Ich fühlte ihn genau. Ich kannte ihn! Sehr gut sogar! Er hatte eine kindliche Struktur und die Kleider, die er trug waren leicht. Ich blickte auf. Vor mir eine einfache aus grobem Holz gezimmerte Tür ohne Fenster. Sie stand leicht offen. Ich hörte Flaschen klirren, Lachen, dumpfes Reden. Ein Hauch von Alkohol tränkte die Luft. Spürbare, dennoch unsichtbare Gewitterwolken drehten sich zusammen. Mein Bewusstsein signalisiere mir: Es muss eine Tür zu einer Kneipe sein. Die Außenwände waren dunkel, fast schwarz und ohne die üblichen Plakate, Ankündigungen oder Sprüche. Die Umgebung war durch den nächtlichen Nebel unsichtbar gemacht. Alles wirkte wie eine verbotene Zone. Die Nacht schien ihre Mitte erreicht zu haben, die Luft war noch zu rau für den frühen Morgen. Noch in mich versunken bemerkte ich, dass ein kleines Mädchen, etwa so alt wie ich, die Tür direkt vor meiner Nase verschloss. Sie schaute mir dabei abweisend in die Augen. Bevor ich denken oder fragen konnte rastet das Schloss ein. Mir lief es kalt über den Rücken. Was hatte ich getan, um so einen Blick zu verdienen? Ich schaute zur Tür. Die abgegriffene Messingklinke war mit einem vergilbten Band, dessen Farbe wohl mal rot gewesen sein mag, bewickelt. Daran hing ein einfaches Pappschild, auf dem mit großen schwarzen Buchstaben geschrieben stand:
`GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT`


Warum wurde ich nicht eingelassen? Ich war gelähmt vor Wut und Trauer zugleich. Ich fühlte, dass meine Augen sich mit Tränen füllten. Ohnmächtige Verzweiflung engte den Herzschlag ein und beschleunigt ihn dadurch nur noch mehr. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich war allein in der Dunkelheit. Zurückgelassen wie einen alten Schuh auf einer abgelegenen Landstraße. Die Gedanken rasten. Bevor die Tür ins Schloss fiel, konnte ich im Raum einige Erwachsene erkennen. Alle im Gespräch vertieft. Die Tische bestückt mit brennenden Kerzen und halbvollen Gläsern. Es war nur eine kleine Bar, die kaum mehr an Personen aufnehmen konnte. Mir schien, dass diese Menschen dort schon länger verweilten.

Was brachte mich überhaupt dazu an diesem Ort zu sein? Und wer war das kleine Mädchen? Ich versuchte mich zu beruhigen und die Gedanken zu sortieren, aber der Nebel wurde immer dichter.

Der vertraute Duft meines Bettes und das Knautschen des lockeren Kopfkissens ließen mich aus meinem Traum erwachen. Fühlte mich trotz meines erwachsenen Alters wie ein Kind, das verstoßen wurde. Die Furcht zog meinen Herzschlag immer noch in seinem Bann. Ich drehte mich auf den Rücken und sah zum Fenster. Die Sonne warf gerade ihre ersten Strahlen auf den neuen Tag.

„Guten Morgen Sonne!“, seufzte ich. „Gut, dass es dein freundliches Lächeln gibt“. Mit den letzten Bildern vor Augen, beruhigte ich mich mit der Tatsache sicher Zuhause in meinem Bett zu liegen. Ein schlechter Traum, der bald vergessen sein würde. Aber da hatte ich mich gründlich geirrt…

Die Spannung folgte mir ins Bad. Unter der Dusche konnte ich die Verwirrung des gefühlten Momentes nicht abspülen. Es weckte viele Emotionen in mir, die ich schon als Kind erfahren hatte. Schutzlos zurückgelassen zu werden in einer Welt, die ich nicht verstand. Die ihre eigenen Gesetze hatte und mich als Kind nicht annahm. Ich beschloss erst einmal einen kräftigen Kaffee zu kochen und mir dazu ein Toast zu gönnen. Dazu hatte ich sonst nie Zeit, da ich gerne lange schlief und der Bus nicht auf mich wartete. Der Nächste würde erst eine Stunde später fahren. Und dann bekam ich Ärger im Büro. Mein Chef ließ keinen Zweifel aufkommen, das er ein „zu spät“ nie akzeptieren würde. Weiters wollte ich mir nicht ausmalen. Ich mochte den Job als Online-Redakteur. Ich hatte Spaß daran Texte zu schreiben und Grafiken zu entwerfen. Der Duft des frisch gebrühten Kaffees ließ mich für einen Moment die Zeit vergessen. Die warme Toastscheibe bestrich ich mit Orangenmarmelade. Nahm meinen Becher und setzte mich auf mein Sofa.

„Guten Morgen, du Schlafmütze. Gleich geht es raus in den Park.“ Ich stupste meinen Hund beiseite, der sich auf dem Sofa breit gemacht hatte. Trotz der Tatsache, dass ich heute früher als sonst auf den Beinen war, hatte Leo beschlossen seinen Schlaf noch nicht abzubrechen. Die Vorteile von weichen Unterlagen wusste er wohl zu schätzen, gähnte, streckte alle Pfoten von sich, drehte sich wieder zusammen und schlief weiter. Meinen Mischlingsrüden hatte ich vor drei Jahren als Welpen im Park gefunden. Er hatte ein freundliches Wesen. Sein schwarz glänzendes krauses Fell, seine etwas zu kurzen Beine und die vielen weißen Flecken im Gesicht machten ihn zu etwas besonderem.
"Na, auch so gut drauf wie ich?“ Ich streichelte sein weiches dunkles Fell. Es brachte mich zurück zu meinem Schlaf und was ihn so abrupt beendet hatte. Ungelöste Fragen schwirrten durch die Luft. Ich bin mit einigen Jahren Abstand die Jüngste in der Familie. Somit waren meine Geschwister immer in allem voraus. Sie und meine Eltern machten oft die Tür vor mir zu, weil ich ihrer Meinung nach für die Dinge, die sie besprachen, noch zu dumm und zu klein war. Aber wie sollte ich erwachsen werden, wenn ich nicht von ihnen lernen durfte. Es handelte sich manchmal um ganz banale Sachen wie Kartenspiele, die ich deshalb nie gelernt habe.

„Abgestellt und am Besten nie abgeholt!“ dachte ich laut. Der Hund gab einen Seufzer von sich. Die Macht, die sie durch ihr Wissen auf mich ausübten, wirkte sich wie mentale Vergewaltigung auf mein Wesen aus. Ich bekam Angst vor dem Leben und hasste alle, die meine Gedanken für Müll hielten. Ich war störendes fünftes Rad am Wagen.
„Wie ironisch! Bin das fünfte Kind“ lachte ich auf. Als Ersatzreifen bin ich gut genug. `Ach, die Kleine kann ja aushelfen`, war ein gängiger Spruch meiner Geschwister. Bei dem Gedanken grinste ich in mich hinein. Ja, ich freute mich dann wie ein Honigkuchenpferd. Ich bekam Zugang zu der Welt der anderen, aber nur bis alles vorbei war. Dann wurde ich wieder abgeschoben. Ich nahm den letzten Schluck Kaffee und stellte das Geschirr in die Spüle.

„Komm, Leo. Die Vögel rufen schon nach uns!“ Leo öffnete seine Augen und schaute mich an: `Witzbold, die rufen uns gar nicht`. „Hast ja recht, aber jetzt komm!“ Er rutschte gemächlich auf seine vier Pfoten und streckte sich ausgiebig mit leisem Gähnen.
Im Park ließ ich ihn frei laufen. Leo ging seinen üblichen Schnüffelrundgang und ich genoss die frische Morgenluft. In der Natur fühlte ich mich wohl und besonders die Tiere hatten es mir angetan. Ich brauchte mehr Zeit um meine Gefühle zu begreifen. Und das konnte ich am besten im Grünen.

„Leo. Heute den längern Weg.“ Meine Liebe und Anerkennung hatte ich bei den Tieren gefunden. Schon als Kind saß ich mit unserem Hund in seiner Hütte. Die Katzen wurden verwöhnt und herumgetragen. Ihr Schnurren war wie ein Liebeslied für mich. Später kamen noch viele andere hinzu, wie Kühe, Kälber, Pferde, Hamster und Vögel. Ich konnte mich auf alle einstellen, da sie mich freudig aufnahmen und mich an ihrer Welt teilhaben ließen. Sie erlaubten mir mit ihnen zu lernen und zu wachsen. Fast stolperte ich über eine Baumwurzel, so war ich in meine Gedanken vertieft. Ich blieb stehen. Wir waren schon ein gutes Stück den Hügel hinaufgegangen. Von hier aus konnte ich jetzt in die Ferne schauen. Über die Baumwipfel hinweg sah ich die Stadt liegen. Eine Kleinstadt, jedoch voller Leben mit vielen Fabriken und Büros. Dort lebte ich. Ein Blitz fuhr durch meine Gedanken!

„Leo!“ Ich suchte nach Worten. „Ich glaube wir wohnen dort nur“, stellte ich entsetzt fest. Der Hund sah verstutzt auf und hob erwartungsvoll seine Ohren.

„Was meinst du, das kleine Mädchen - war ich das vielleicht selber?“ Leo bemerkte, dass es kein Leckerchen gab. Frauchen brabbelte mal wieder wirres Zeug. Hatte er da nicht gerade ein Kaninchen gesehen? Gleich nachschauen.
„Wo willst du hin? Nein, keine Kaninchen jagen. Bitte!“

`Na gut`, Leo blieb stehen und setzte die Nase gleich wieder auf die Erde. `Oh, da gibt es noch eine alte Duftmarke von der hübschen Dalmatinerdame`. Leo wandte sich wieder seinem Parkdienst zu. Eine schreckliche Erkenntnis machte sich breit. Diese Tür gab es auch in meinem Berufsleben. Wo ich helfen konnte, war ich genehm, aber danach wurde ich schnell abgestuft und übersehen. Das reimte sich sogar, grinste ich in mich hinein.
„Was bin ich nur für ein Trottel.“ Ich hatte immer noch die Stadt vor Augen. „Leo, wir müssen in meinen Leben etwas ändern. Leo? Leeeo!“ Hat bestimmt wieder eine Hundedame gefunden, grummelte ich. Kaum hatte ich es zu Ende gedacht, da erschien er schon stolz mit seiner Dackelfreundin. Lisa, war mal wieder ausgebüchst.

„Hallo Lisa, sollen wir dich nach Hause bringen?“ Sie holte sich freudig eine Streicheleinheit ab und rannte dann mit verliebtem Blick Leo hinterher. Auf dem Weg nach Hause wurde mir klar, dass ich durch diese geschlossene Gesellschaft viel gelernt hatte. Dafür hatte ich mich in die Gesellschaft der Tiere hinein gelebt. Ich konnte mit ihnen reden und ihre Gedanken verstehen. Die Mitmenschen betrachtete ich von außen, wie durch ein Fenster, weil die Tür geschlossen war. Ich sah Dinge, die für andere nicht erkennbar waren. Ich hatte von der Natur der Tiere gelernt ohne Worte zu hören. Die Stimmen von Seelen und ihre Hilferufe. Sah die Verzweiflung der Unwissenden, die Angst, die zur Gewalt wurde. Ich erkannte die Schutzwälle, die Menschen und Tiere um sich herum bauten und fühlte ihre Bausteine.
Um die Hunde brauchte ich mich nicht zu kümmern, sie kannten den Weg von alleine. Ich musste mich beeilen sie nicht aus den Augen zu verlieren. Lisas Besitzerin, Frau Sabner, hatte vor Jahren ihren Mann durch einen Arbeitsunfall verloren. Sie war noch in einem Alter, wo sie ein neues Leben wagen konnte, aber der Alkohol war der einzige Trost, den sie an sich heran ließ. Dachte ich…

Endlich um die Hausecke herum, sah ich die Hunde schon vor der Tür stehen. Lisa wedelte freudig mit dem Schwanz. Die Klingel röhrte wie ein alter Oldtimer.

„Wo kommst du denn her?“ Eine feine freundliche Stimme kam durch die noch nicht ganz geöffnete Tür.
„Hallo Leo!“ Eine zierliche Frau mit einem bunten Sonntagskleid trat heraus. „Hallo Frau Wegner!“ Die Stimme wirkte überrascht.

„Guten Morgen Frau Sabner! Wir haben Lisa aus dem Park mitgebracht.“

„Danke. Ich habe Besuch“, berichtet sie aufgeregt. „Lisa muss wohl das Loch im Gartenzaum gefunden haben.“ Ein leichtes Erröten der Wangen begleitete ihre Worte. „Lisa ist immer so schrecklich Eifersüchtig.“
Ich lächelte und winkte ihr zu. „Dann wünsche ich ihnen noch einen besonders schönen Tag.“
„Danke, ihnen auch.“ Die Tür schloss sich hinter ihr und ich suchte Leo, der schon wieder auf Damensuche war. Hinter einem Busch an einer privaten Einfahrt fand ich ihn, als er gerade das Bein zu x-ten Mal hob.
„Leo, komm jetzt her!“ Meine Stimme klang genervt. „Du und deine Vielweiberei.“

Der Rüde drehte sich mit einem beleidigten Blick von mir ab und trat den Weg nach Hause an. Leo genoss noch den freien Ausgang, bis die Hauptstrasse kam und er an die Leine musste. Wir warteten an der Ampel. Ich beobachtete die Menschen. Wie verschieden wir doch alle waren! Mein Blick blieb an einer Bushaltestelle hängen. Ich schaute erschrocken auf die Uhr.

„Der Bus!“ rief ich erregt. „Leo, ich habe den Bus verpasst!“ Ich merkte, wie sich die Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten. Der Hund fing an zu jaulen und verdrehte sich dabei ungeschickt in seine Leine.
„Wegen dir habe ich die Grünphase verpasst.“ Knurrte ich meinen Hund an, während ich versuchte seine und meine Beine aus der Führleine zu entwirren. Ganz erschrocken schaute er mich an. `Wieso ich? `, konnte ich deutlich in seinen Augen lesen.
“Ich bekomme dicken Ärger“, fuhr ich ihn an.

`Tolle Begründung jemanden anzublaffen´, dachte Leo und drehte seinen Kopf hochnäsig weg. Ich bemerkte seine Reaktion. Nahm einen tiefen Atemzug, hockte mich hin und streichelte ihm entschuldigend übers Fell. „Hast ja Recht!“ Zuhause angekommen, sah ich das Licht auf meinem Anrufbeantworter blinken. Eine Nachricht für mich. Wer das wohl sein wird?

„Guten Morgen, Frau Wegner. Haben sie schon ausgeschlafen?“ Diese unnahbare Stimme ging mir durch Mark und Bein. “Sie können gleich Zuhause bleiben. Sie sind fristlos gekündigt. Das Gehalt wird Ihnen noch für diesen Monat ausgezahlt. Wünsche Ihnen alles Gute für ihre Zukunft.“ Dann hörte ich nur noch wie aufgelegt wurde.

Die folgende Stille war zum Schneiden. Leo saß neben mir und traute sich nicht zu bewegen. Wie ein tiefer Seufzer kam es von meinen Lippen.

„Das war wieder diese Tür!“ Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Leo schaute mich fragend mit seinen treuen Augen an und wedelte so heftig, das es Staub aufwirbelte. Bei dem Anblick der Wollläuse, die wie kleine Bällchen hin und her geworfen wurden, fing ich an zu Lachen.

“ Gute Idee, Leo. Heute steht Hausputz an.“ Das Lachen wurde immer befreiter.

„Und Morgen suche ich mir einen Job, wo mir keiner ungefragt die Tür vor der Nase zu machen kann!“ Leo sprang bellend auf und holte zur Feier des Tages seinen Ball, der so schöne helle Töne machte, wenn er drauf kaute. Ich nahm ihm den Ball ab und warf ihn in die weiteste Ecke des Wohnzimmers. Dabei kam mir eine Idee. Ich könnte eine Zeitungsannonce aufgeben. Heute noch:
Geschlossene Gesellschaft für Ausgeschlossene. Menschen mit und ohne Tieren gesucht, die viel zu erzählen haben und es an andere weiter geben möchten. Jeder, der Interesse hat, an einer Online Zeitung mitzumachen, kann sich bei mir melden. Ich würde mich riesig freuen!
Leo rannte bellend um mich herum. Er spürte, wie froh ich war. Grinsend sah ich ihm zu. „Ja! Leo, wir werden eine Menge netter Menschen und bestimmt auch gaaanz viele Hündinnen treffen.“

Autorin: Elke H.Graham

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