
Das kleine Kätzchen und der Weihnachtsmann
Barbara Pronnet
Ein
kleines Kätzchen lag eingerollt auf einer Stufe eines alten Hauses. Sein
kleiner Bauch hob sich langsam auf und ab.
Es war ein Tag vor Weihnachten. Die vielen Füße mit den dicken Winterschuhen
die an dem Kätzchen vorbeilaufen bemerkt es nicht.
Es hatte leicht angefangen zu schneien und ein kalter Wind pfiff um die
Häuserecken.
Das grauweiße Kätzchen schlug die Augen auf und steckte die Nase in die feucht
Luft. Kalt ist es geworden und es gab heute noch nichts zu fressen. Es streckte
sich und beobachtete die vielen Menschen die hektisch und schnell durch die
Straßen liefen.
So eine Kälte kannte es nicht, denn es war erst im März geboren worden und bei
der Mutter mit all den vielen Geschwistern war es herrlich warm gewesen. Der
Geruch der Milch die es regelmäßig zu trinken gab stieg ihm in die Nase und es
leckte sich das kleine Maul.
Schön war es da gewesen, aber plötzlich waren die Geschwister weg und die
Mutter hatte sich nicht mehr um es gekümmert. Das war eine schlimme Zeit
gewesen, auf einmal mußte sich das Kätzchen selbst Nahrung suchen und die
Geborgenheit der Familie fehlte ihm sehr.
Immer weiter lief es von dem Ort der zerronnenen Behaglichkeit fort und landete
an einem Platz wo es viele Häuser und Menschen gab. Dort war es laut und
gefährlich, die großen Gegenstände wechselten schnell und das Kätzchen mußte
oft einen riesigen Satz machen um einem rollendem Ungeheuer auszuweichen.
Es gab zwar viele Mäuse und Reste von Fressen in großem Behältern, aber
gemütlich war das nicht.
Auch die Revierprobleme der bereits einheimischen Katzen war immer wieder ein
großes Problem. Ständig gab es Auseinandersetzungen und Raufereien bei dem auch
mal Blut floß.
Das Leben war schwierig und gefährlich geworden und nur in ihren Träumen konnte
das kleine Kätzchen noch Freude empfinden.
Und jetzt war es auch noch kalt geworden. Die Nässe kroch sich unters Fell und
einen warmen Schlafplatz zu finden wurde immer schwieriger.
Traurig und mit knurrendem Magen schlich das Kätzchen die graue Hausmauer
entlang. Die weißen Flocken die jetzt wild umher tanzten legten sich auf sein
Fell und färbten es weiß.
Ein großer weißer nasser Ball flog ihm entgegen und zerplatze auf seinem Kopf.
Das Kätzchen duckte sich ängstlich und hörte lachende Kinderstimmen an sich
vorbeilaufen.
Es schüttelte sich und die kalte Masse fiel zu Boden. Überall brannten schon
Lichter und die Dunkelheit breitete sich langsam über die Stadt. Jetzt mußte
ein halbwegs warmer Schlafplatz gefunden werden und vielleicht lief ihm ja eine
unvorsichtige Maus über dem Weg. Das wäre mal ein Glück. Aber die gewieften
Stadtmäuse hatten längst die Taktik der Katzen erkannt und versteckten
wohlweislich in ihren tiefen Löchern.
Die vielen dunklen und unheimliche Gänge der nassen Straßen machten ihm immer
wieder Angst.
Mutlos setzte es sich kurz auf den Randstein und schnaufte tief durch.
Still war es geworden und kein Licht brannte mehr. Es schien, als würden alle
Häuser verschwunden und kein Geräusch war zu hören.
Plötzlich sah es in einer nahen Querstraße eine helles Licht leuchten.
Das war so hell, daß das Kätzchen die Augen zuzwinkern mußte. Vorsichtig setzte
es eine Pfote vor die andere und schlich in die Nähe der ungewohnten
Helligkeit. Sein Herz klopfte wild doch eine angeborene Neugier ließ sich nicht
verleugnen.
Als es um die Ecke lugte woher das merkwürdige Licht kam glaubte es seinen
Augen nicht zu trauen.
Das Licht schien wie ein Kreis und in dem Kreis saß ein dicker Mann mit einem
langen, weißem Bart und einem rotem Mantel und neben ihm stand eine Kutsche und
daran waren große Tiere eingespannt. Er hatte die Hand an der Stirn und
schüttelte ständig den Kopf und murmelte:
„Ohje, ohje, ohje, ohje“.
Um ihm herum lagen lauter Spielsachen kunterbunt durcheinander. Da gab es
Puppen, Stofftiere –auch eine rote Stoffkatze war darunter -, Naschwerk und
vieles mehr. So viele herrlich Sachen hatte das Kätzchen noch nie gesehen.
Der dicke Mann hielt eine alten Leinensack in die Höhe und sagte zu den
komischen Tieren vor seiner Kutsche.
„Ihr wart eindeutig zu schnell. Ihr seid ja in die Kurve gegangen als wäre
heute schon Silvester. Jetzt haben wir den Salat. Bis ich den Sack wieder
gefüllt habe ist es ja bereits hell und dann können wir sehen wie wir das
schaffen.“
Die braunen Tiere mit den großen Hörner standen betreten da und steckten die
Köpfe zusammen.
Es war ihnen anscheinend sehr peinlich.
Das Kätzchen konnte sich gar nicht satt sehen an diesen vielen Herrlichkeiten.
Wie schön mußte das sein, mal wieder so richtig ungezwungen zu spielen und
etwas so richtig zu zerfetzen, sowie es immer mit den Geschwistern gewesen war.
Das Licht strahlte eine wohlige Wärme aus und das Kätzchen hätte sich gerne in
mitten der Spielsachen gesetzt und nur geschaut.
Aber der fremde Mann war sehr ungehalten und schüttelte weiter pausenlos den
Kopf.
Vielleicht schleiche ich mich einfach mal heran und verstecke mich unter dem
großen Teddybären, dachte es mutig. Der Mann dreht ihm sein dickes Hinterteil
zu und war ganz vertieft darin, einer Puppe das lange blonde Haar zu entwirren.
Kätzchen machte eine kleinen Sprung und kroch ganz leise unter den großen
braunen Bären. Er hatte eine dickes, weiches Fell und er erzeugte eine
wunderbare Wärme. Mit weit geöffneten Augen beobachtete es den großen Mann der
–es traute kaum seinen Ohren- ein kleines Liedchen vor sich her sang.
„Morgen Kinder wird’s was geben, morgen werden wir uns freuen. Welch ein
Trubel, welche eine Leben, wird in unserem Hause sein. Einmal werden wir noch
wach, heißa dann ist Weihnacht“.
Die Ohren des kleinen Kätzchens standen ganz hoch. Das war sehr schön was der
dicke Mann da sang. Aber was war denn bitte sehr Weihnacht? Was zum Fressen?
Oder heißen die Tiere vor der Kutsche Weihnacht?
Es überlegte, ob es dieses Wort schon mal gehört hatte, aber meistens hörte es
nur „geh weg“ oder bekam einen Tritt.
Durch die Wärme und den Gesang des alten Mannes begann sich unser Kätzchen sehr
wohl zu fühlen. Es entspannte sich und legte die Ohren an. Die Pfoten steckte
es unter den Körper.
War das gemütlich, dachte es. Ich bleibe noch ein bißchen und dann verschwinde
ich wieder, nahm es sich vor.
Die Augen wurden ihm immer schwerer und eine bleierne Müdigkeit breitet sich in
seinem Körper aus. Nein, nein ich döse nur ein wenig, ich habe alles im Griff.
Das dachte es sich zumindest denn plötzlich wurde es von einer riesengroßen
Hand hochgehoben und in der Sack gesteckt. Voller Angst und zu Tode erschrocken
durch den leichten Schlaf machte das kleine Kätzchen einen Purzelbaum und
versank immer tiefer in den großen dunklen Käfig. Die Krallen tief in den
Teddybären gebohrt verharrte es voller Entsetzen in der Dunkelheit. Immer mehr
Gegenstände fielen auf seinem Kopf und wurden mit der großen Hand in den Sack
gestopft.
Oh nein, was ist nur passiert. Ich bin doch ganz wach gewesen, jammerte das
kleine Kätzchen.
Wie komme ich da bloß wieder raus?
Aber das war nicht so einfach, denn der große Sack wurde mit einer Kordel
verschnürt und auf einmal flog der Sack samt Inhalt in die Luft und fiel auf
einen harten Boden. Gott sein Dank war der Teddybär dick gepolstert, denn sonst
hätte sich unser Kätzchen ganz schön weh getan.
Aber damit war noch lange nicht alles zu Ende. Plötzlich gab es einen Ruck und
alles war in Bewegung. Immer schneller und schneller wurde es und das Kätzchen
hörte die Stimme des Mannes laut rufen.
„Los auf geht’s, keine Müdigkeit vorschützen wir haben Zeit aufzuholen“.
Es gab ein zischendes Geräusch und irgendwie wurde es dem Kätzchen plötzlich
ganz leicht als würde es schweben und durch die Luft fliegen. Aber das kann ja
nicht sein, Katzen können nicht fliegen und Menschen doch eigentlich auch
nicht. Zumindest hatte es so was noch nie erlebt.
Doch es war so.
Der große Sack ruckelte und wackelte und das erste Mal in seinem jungen Leben
war unser Kätzchen froh, daß es noch nichts gefressen hatte, denn sonst würde
ihm jetzt furchtbar schlecht werden.
Die Krallen fest in den Teddy verkeilt starrte es angstvoll in die Dunkelheit
und sein kleines Katzenherz schlug ihm bis zum Halse.
Das war wirklich das sonderbarste, was es bis jetzt erlebt hatte. Nicht mal die
Schlägerei mit dem schwarzen Tyrannen der in der Straße mit den vollsten Mülltonnen
wohnte konnte es damit aufnehmen.
Immer höher und schneller ging es und das Kätzchen verlor bald jedes
Zeitgefühl. Wahrscheinlich werde ich jetzt sterben? Schade, ich hatte doch noch
so viel vor.
Traurig schloß es die Augen und krallte sich wieder fester in das weiche Fell
des Teddybären.
Doch was war das? Plötzlich stand alles still. Es gab ein dumpfes Geräusch und
der große Sack wurde hochgehoben. Wieder wurde unser Kätzchen ein wenig
geschüttelt, aber nicht mehr so stark wie am Anfang. Es glaubt auch Stimmen zu
hören und wärmer war es auch wieder geworden.
Kätzchen spitzte die Ohren und hörte was da draußen los war.
„Hallo liebe Kinder, wißt ihr denn, wer ich bin“ fragte die dunkle Stimme des
großen Mannes.
Kätzchen hatte es gleich wieder erkannt.
„Du bist der Nikolaus“ schrien aufgeregte Kinderstimmen durcheinander.
Nikolaus, dachte das Kätzchen, schon wieder so ein fremdes Wort. Aber
wenigstens wußte es jetzt, wie der große Mann mit Namen hieß.
„Das ist richtig, und weil ihr brav gewesen seid, habe ich euch auch etwas
mitgebracht.“
Der Nikolaus öffnete den Sack und griff mit seiner großen Hand hinein. Er
erwischte die blonde Puppe die knapp neben unserem jetzt wieder sehr
ängstlichen Kätzchen lag.
„Die ist für dich, weil du ganz besonders fleißig in der Schule warst.“ sagte
der Nikolaus freundlich.
„Vielen Dank, lieber Nikolaus“ bedankte sich eine artige Stimme.
„Und was bekomme ich“ rief eine helle Stimme ungeduldig dazwischen.
„Sei doch ruhig, du kommst auch noch dran“ Das klang so ähnlich wie die Stimme
des Nikolaus, aber doch ein bißchen anders. Wieviele wollten denn da noch
Geschenke? dachte das Kätzchen nervös.
„Für dich habe ich ganz was Schönes dabei“ lachte der Nikolaus
Wieder fuhr die große Hand in den Sack. Oh Schreck sie packte nach dem braunen,
dicken Teddybären, an welchem unser Kätzchen so angstvoll klammerte.
Nein, nein, schrie es innerlich, und krallte sich noch mehr in das Fell und
plötzlich gab es einen Ruck und Kätzchen war aus dem Sack und landete in zwei
kleinen Kinderarmen.
Das war vielleicht ein Anblick.
Alle schauten mit großen Augen auf das kleine Kätzchen, welches sich am
liebsten in den Teddybären hinein verkrochen hätte.
Der Nikolaus, die Eltern und das kleine Mädchen schauten verdutzt auf den
kleinen Jungen der sein „Geschenk“ in den Armen hält.
„Eine Katze“ rief er freudig, „und ein Bär, gleich zwei Geschenke“.
„Da stimmt aber was nicht“ murmelte der Nikolaus stirnrunzelnd, „das stand
nicht auf meiner Wunschliste“.
Auch die Eltern der Kinder schauten völlig entgeistert, erst auf die Katze und
dann auf den Nikolaus.
„Ist die süß“, sagte das kleine Mädchen und streichelte liebevoll das Fell des
Kätzchens.
„Schau mal sie hat ja Angst“. Die Mutter nahm unser Kätzchen, was noch völlig
verängstigt an dem Teddy hing vorsichtig in den Arm und kraulte ihm das
Köpfchen.
„Tja das ist zwar nicht ganz das was wir bestellt hatten, aber so ein hübsches
Tierchen geben wir natürlich nicht mehr her. Dich schickt ja förmlich der
Himmel zu uns.“ lachte die freundliche Frau und dann lachten alle.
Noch nie hatte Kätzchen so liebevolle Streicheleinheiten bekommen. Es begann
sich zu entspannen und schnurrte ganz leise.
Die ganze Familie stand jetzt um den unfreiwilligen Gast und beobachteten das
kleine Kätzchen.
Der Nikolaus legte seine große Hand auf sein Köpfchen.
„Ich bin mir zwar noch nicht sicher, aber ich kann mir schon denken wo ich dich
aufgelesen habe. Hier wird es dir bestimmt gut gehen kleines Kätzchen.“
schmunzelte der Nikolaus
Ihr könnt euch sicher denken, wie überrascht unser Kätzchen war als es von
allen Seiten gestreichelt und geherzt wurde. Das erste Schüsselchen voller
warmer Milch schmeckte wundervoll und die Erinnerungen an die frühere Zeit mit
der Mutter und den Geschwistern stiegen wieder in ihm hoch.
Und als sich der Nikolaus später verabschiedete und mit lauten Gebimmel von
dannen fuhr, stand unser Kätzchen dankbar und glücklich am Fenster und schaute
zu wie sich die große Kutsche mit den vielen braunen Tieren in die Luft schwang
und langsam am Horizont verschwand.
Es hatte wieder leicht angefangen zu schneien und als sich unser Kätzchen vom
Fenstersims ins heimelige warme Wohnzimmer mit dem großen geschmückten Baum und
den Geschenken und den vielen Menschen die alle so lieb zu ihm waren begab, da
dachte es sich, wenn das Weihnachten ist, dann ist es das schönste, was ich je
erlebt habe.
